Der Hund funkt SOS

Bist du bereit, deine Beziehung zu deinem sofa-wolf zu überdenken? Bist du mutig genug, Dich selber zu hinterfragen? Bist du  fähig, alte Muster zu ändern? Susanne Last, ND Instruktorin und Verfasserin des Blogspots: "Canilogie - was du NIE über Hunde wissen wolltest" schreibt in diesem lesenswerten Artikel über Hundehaltung in der heutigen westlichen Welt. (Vielen Dank Susanne für's Teilen dürfen!)

Wir laden dich herzlich ein, dir ein wenig Zeit für diesen Artikel und die obigen Fragen zu nehmen....

Canilogie - was Du NIE über Hunde wissen wolltest...

Mittwoch, 19. Oktober 2016

Der Hund funkt SOS

Den Hund als hochsoziales Lebewesen in die menschliche Gesellschaft bzw. Familie zu integrieren, kann nur auf den Grundlagen des natürlichen Hundeverhaltens gelingen. Der Hund hat ein Recht dazu, soziale Anerkennung zu erfahren und sich mit seinen Kompetenzen einbringen zu können.

Jeder Hund ist, wie jeder Mensch auch, eine eigene Persönlichkeit. Jeder Hund hat eigene Stärken und Schwächen, Vorlieben und Abneigungen. Was man allerdings in der Tierhaltung im Allgemeinen und der Hundehaltung im Speziellen sieht, sind Hunde, die für den Zweck der Menschen angeschafft und gehalten werden. Der Mensch will etwas, der Hund muß es leisten. Verhalten wird uniformiert, alle machen das Gleiche nach dem gleichen Prinzip, egal ob Dackel oder Bernhardiner, egal ob alt oder jung.

Die Ansprüche, die der Mensch an den Hund hat, gehen weit darüber hinaus, was wir innerhalb unserer menschlichen Familie einem Partner oder Familienmitglied abverlangen würden. Der Hund soll funktionieren, für uns arbeiten, unsere Bedürfnisse erfüllen und sich dabei unauffällig und angepasst benehmen, wenn er in die Öffentlichkeit gebracht wird. Seine eigenen hündischen Bedürfnisse werden dabei nicht selten vollkommen außer Acht gelassen bzw. auf die Futtergabe reduziert. Dennoch behaupten nicht wenige Hundehalter, ihr Hund sei ein Familienmitglied.

Angebot ohne Nachfrage?

Nie hatten wir mehr Hundetrainer und Hundeschulen, nie war das Beschäftigungsangebot für den Hund so bunt und umfangreich. Nie hatten wir mehr Einblicke in die Psyche, das Denkvermögen und wissenschaftliche Erkenntnisse der Kynologie. Und nie hatten wir mehr ernsthafte Probleme mit dem Hund und der Hund mit sich.
Krankheiten, Allergien, Qualzuchten, Giftköder, aber auch Beißvorfälle und entlaufene Hunde sind nur einige Probleme.
Ein ganzes Netzwerk von Fachleuten kreist um die Tierart Hund. Tierärzte, Fachtierärzte mit Spezialisierungen auf einzelne Rassen, Ernährung oder Verhalten, technisch aufwändigste Diagnosegeräte, ein Fachwissen, das seinesgleichen sucht, Tierheilpraktiker, KommunikatorInnen, Hundeerziehungs-, Verhalten- und Ernährungsberater mehr oder weniger amtlich geprüft und zugelassen, eine Futtermittelindustrie, die boomt und Milliardenumsätze einfährt, Equipment vom Halti über Thundershirt bis hin zum ergonomisch geformten Hundebett, von der Bekleidung für Hunde einmal ganz abgesehen.
Nahrungsergänzungsmittel, Homöopathie, Bachblüten, Akupunktur und Naturheilkunde aber auch aufwändigste medizinische Therapien und Operationsmethoden sind erhältlich und möglich, wenn auch kaum bezahlbar. Dogwalker, Dogsitter und Hundetagesstätten und auch das Fernsehen hat das Medium Hund für sich entdeckt - Hundeflüsterer tun in 45 Minuten ihr Fachwissen kund, mit Erfolg oder auch nicht, unterhaltsam allemal.

 Hundeschulen übertreffen sich in dem Angebot ihrer Kurse: Von Dogdancing über Ziel-Objekt-Suche® bis hin zum Mantrailing, Anti-Jagd-Training oder Degility wird das Angebot nahezu unüberschaubar. Auch Schafe kann man "zum Spaß" (von wem?...) mit seinem Hund hüten, um den Border oder Aussie artgerecht auszulasten. Und wer einen Goldie hat, kann aus ihm einen Therapiehund oder Schulbesuchshund machen. Ausbildungen dazu gibt es auch jede Menge.
Wenn man will, kann man jeden Tag etwas Neues mit dem Hund machen, spazierengehen natürlich sowieso. Und in den Hundewald oder besser noch auf die Freilauffläche, damit der Hund auch seine Sozialkontakte zu Artgenossen pflegen kann. Damit er "in seiner Sprache mit seinesgleichen" die Kommunikation ausüben kann, auch wenn er das vielleicht gar nicht will.
An den Wochenenden kann der interessierte Hundefreund dann zusätzlich Intensivunterricht in Form von Seminaren buchen, dann gibt es ein bis zwei Tage geballe Ladung Fachwissen mit oder ohne Praxis für Spezialthemen und am Ende vielleicht sogar eine Prüfung einer der unzähligen Hundeführerscheine oder Begleithundeprüfungen. Wem das noch nicht reicht, der wird gleich selber Hundetrainer, auch dafür ist das Angebot inzwischen unüberschaubar und man könnte meinen, wir haben bald mehr Hundetrainer als Hunde.

Der Markt rund um den Hund ist bunt und wie ich finde - ver-rückt. Das Tier Hund geht unter in der Fülle der Angebote, er wird nahezu erdrückt auch von dem Druck, den die Umwelt auf den Hundehalter ausübt. Kauf man sich einen Hütehund, heißt es gleich: "Oh, den mußt Du aber kopfmäßig auslasten, der langweilt sich schnell!" und zieht der Terrier ein, hört man: "Der wird Dich ordentlich auf Trab halten." Entsprechendes gilt für andere Rassen und Typen.

Alles nur positiv?

Nie wurde positiver und freundlicher mit Hunden umgegangen. Stachelhalsbänder sind zu Recht tierschutzrelevant und harte Ausbildungsmethoden verpönt. In manchen Kreisen gilt jedwede Begrenzung des Hundes als fraglich, egal ob es die Leine am Halsband, die Hundebox als Rückzugsort oder ein einfaches "Nein!" ist. In dieser ach so blumigen, von Ideen und Innovation nur so strotzenden Hundwelt finde ich tatsächlich eine Menge von verhaltensauffälligen und problematischen Hunden im Alltag. Von den massiv zunehmenden "Zivilisations-" Krankheiten einmal ganz abgesehen.
Wie kann das sein?

Meine These: Wir sind auf dem Holzweg

Warum? Nun, weil wir immer noch Dressur und Training, Schule und Ausbildung, Lernen und Funktionieren, Belohnen und Bestärken im Kopf haben. Doch würden wir das mit einem Familienmitglied auch so tun? Ich hoffe nicht!

Kein Mensch käme auf die Idee, sein Kind zum Beispiel auf diese Art und Weise zu behandeln. Schlimm genug, daß an vielen Stellen in unserem Bildungs- und Arbeitssystem auf das Belohnungsprinzip zurückgegriffen wird. Viele Menschen üben dennoch einen Beruf aus, der ihnen Spaß bringt, wenn vielleicht auch nicht das große Geld.
Lehrer zum Beispiel bekommen ihr Gehalt, um den Kindern etwas beizubringen. Sie haben für die Kinder in der Regel keine so wichtige soziale Bedeutung wie zum Beispiel die Eltern oder Geschwister. Deutlicher wird dies noch, wenn man sich andere Geschäftsbeziehungen anschaut. Zum Beispiel beim Bäcker: Ich erwarte als Kunde eine gute Ware für mein Geld und der Bäcker erwartet echtes Geld für seine Ware. Ob ich nun der Kunde bin oder meine Nachbarin, ob mein Bäcker nun Müller oder Schulze heißt, ist für alle egal. Hauptsache der Deal klappt. Das nennt man eine sekundäre, eine Geschäftsbeziehung.
Davon gibt es viele in unserem Leben, in der Regel spielt der soziale Aspekt eine minimale Rolle. Man erwartet Leistung und ist bereit, dafür zu bezahlen. Keiner hat an den anderen eine soziale Erwartung und oft nicht einmal Interesse. Hat der Kunde gezahlt, ist die Ware geliefert, ist die Angelegenheit erledigt.

Primäre Beziehung

In familiären Umfeld sieht das Ganze schon anders aus. Hier geht es nicht um Geld, hier geht es um die Person an sich. Der Charakter, seine Individualität ist wichtig. Dieser Mensch ist nicht einfach austauschbar gegen einen anderen, der die gleiche Leistung erbringen oder das gleiche Geld bezahlen könnte wie in einer Geschäftsbeziehung.

Jeder kennt die Situation, wenn aus einem Kunden ein Freund wird: Vorher Geschäftspartner, nun Sozialpartner. Man mag ihm nun plötzlich kein Geld mehr abnehmen für eine Leistung, die man erbracht hat. Zumindest fühlt es sich komisch an und umgekehrt heißt es: "Beim Geld hört die Freundschaft auf!"

Menschen sind auch nur soziale Tiere

Freunde, Partner und Familienmitglieder zeichnen sich vor allem dadurch aus, daß man sie und ihre Eigenheiten gut kennt. Man ist aber auch vertraut miteinander, kennt Schwächen und Stärken. Man kann sich auf den anderen verlassen und zusammen ist man stark für Herausforderungen oder gemeinsame Ziele. Man ist bereit, für den anderen einzutreten, auch wenn es keinen mittelbaren Vorteil für einen selber verspricht. In Studien hat man übrigens herausgefunden, daß auch Ratten und Wölfe füreinander eintreten, ja vielleicht sogar der einzelne selber einen Nachteil in Kauf nimmt, um dem anderen einen Vorteil zu verschaffen (aber nur in sozialer Verbundenheit!). Geht es allerdings darum, ein Ziel nur gemeinsam erreichen zu können und arbeitet der Partner nicht mit, wird dies vom anderen gemaßregelt und abgestraft. (Studien Inbal Ben-Ami Batal Uni Chicago 2011 und Sarah Marshall-Pescini Uni Mailand 2012)

Gegeneinander in freundschaftlichen Beziehungen aufzurechnen, gehört sich nicht und ist nicht umsonst Gift für die Beziehung. Es geht um die Sache an sich und nicht um das Übervorteilen des anderen. Wir nehmen Einiges in Kauf, um dem anderen aus der Patsche zu helfen und erwarten keine Gegenleistung dafür. Jeder für jeden, einer für alle, alle für einen. Das ist das Prinzip der Partnerschaft bzw. familiären Gruppenbildung und die Basis für primäre Beziehungen.

Was der Hund braucht:

Bei Hunden ist das nicht anders (s.o.). Mehr noch: Das Prinzip der Geschäftsbeziehung spielt für ihre soziale Gruppe keine Rolle. Man könnte meinen, sie sind gar nicht in der Lage, ein solches Konstrukt als Bindungsform einzugehen.Vielleicht tun sie es auch gar nicht und wir denken nur, wir hätten zum Hund eine Bindung bzw. Beziehung...

Die natürliche Gruppenstruktur des Hundes entspricht der menschlichen Familie. Man ist ein Clan, bestehend aus Mutter und Vater sowie den Kindern aus zwei bis drei Jahrgängen. Hunde sind also von vorneherein auf die primäre Beziehung fokussiert. Sie haben eine entsprechende Erwartung, wenn sie (zwangsweise) in eine neue Gruppe kommen, weil der Mensch den Hund aus seiner bisherigen entnimmt. Hunde untereinander schließen sich zusammen, weil sie in die Zukunft planen und nicht, weil die 1-Sekunden-Regel einen mittelbaren Vorteil verspricht. Hunde untereinander verfahren nicht nach Lerntheorien, sie belohnen sich weder mit Leckerchen noch mit Spiel oder anderen externen Motivationen.  Hunde leben und kommunizieren äußerst fein miteinander, weil es für alle Beteiligten von Vorteil ist, nicht alleine zu sein. Der andere bringt Kompetenz mit, die man selber vielleicht nicht hat. Hunde sind intrinsisch motiviert, aus sich selbst heraus, nicht alleine zu sein. Ein Armutszeugnis, wer dafür externe Motivation benötigt.

Was der Hund bekommt:

Nun kommt der Hund  in die menschliche Familie und wird nach dem positiven Verstärkungsprinzip "ausgebildet", "trainiert" oder "dressiert". Der Hund lernt nun die Geschäftsbeziehung kennen. Denn das, was da passiert, ist der Erwarten einer Leistung (= Befehl, Kommando) und die Bereitschaft des Menschen dafür zu bezahlen, zu entlohnen. Wir nennen das dann Motivation und Belohnung nach den klassischen Lerntheorien - Konditionierung. Offiziell heißt es, dies sei das Einzige, was wissenschaftlich gesichert ist und schließlich auch funktioniert. Bei Tauben, Hühnern, Zootieren und Hunden, unseren Sozialpartnern...
Mag sein, daß es funktioniert, das will ich hier auch gar nicht in Abrede stellen. Die Lerntheorien sind - abgesehen davon, daß es Theorien sind, sicher auch heute noch gültig. Doch wenn man sich vor Augen hält, welche wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse wir heute, knapp hundert Jahre nach den ersten lerntheoretischen Ergebnissen im Bereich der Kognitionsforschung und Neurobiologie haben, dann wird klar, daß die Lerntheorien nur einen Bruchteil von Verhalten erklären können. Es funktioniert, aber es ist und bleibt ein künstlicher Umgang mit dem Hund. Im Zirkus sind Kunststücke mit Wildtieren verpönt, doch sollte man darüber nachdenken, was wir unseren Hunden zumuten oder in Fernsehshows zum Superstar küren - haben wir das Recht, nur weil es "funktioniert"?

Der Hund verliert in seiner neuen Familie also zunehmend mehr die primäre Beziehung zu den nun menschlichen Ersatz-Familienmitgliedern und damit die Hoffnung auf eine "normale" Gruppe, die fortführt, was die bisherige bzw. die Hundemutter begonnen hatte. Die Qualitäten der Beziehungen sind nur noch zu Artgenossen natürlich: Man spricht eine Sprache und versteht sich - im positiven wie negativen. 

Warum schließen sich Hunde an?

Hunde agieren miteinander nicht nach den Lerntheorien. Hunde entscheiden, ob sie sich zusammenschließen nach der Frage: "Ist es von Vorteil, in dieser Situation nicht alleine zu sein?"
Vorteile sind immer dann gegeben, wenn die Bedürfnisse des Hundes zu mehreren besser zu befriedigen sind als alleine. Welches sind die Bedürfnisse des Hundes?
Das Sicherheitsbedürfnis für die eigenen Individualdistanz, der Jagdinstinkt zum Nahrungserwerb, der Territorialinstinkt und die Ressourcenwahrung für die potentielle Jungenaufzucht und das Überleben, der Sexualinstinkt zur Fortpflanzung und das Bedürfnis nach Sozialkontakt für soziale Interaktionen und Integration.

Wenn also der Zusammenschluß mit einem Artgenossen einen Vorteil im Erfüllen mindestens eines der Bedürfnisse hat, ergibt sich daraus, daß der Hund genau danach seine Entscheidung trifft. Sieht der Hund auch nur eines seiner Bedürfnisse in der Befriedigung gefährdet, wird er sich gegen den Artgenossen (oder Menschen) wenden und möglicherweise aggressiv verteidigend reagieren. So erklärt sich manche (unerwartete) (Artgenossen)-Problematik.

Zusammenleben mit dem Mensch - der Hund hat keine Wahl

Biete ich dem Hund nun eine menschliche Familie als neues soziales Umfeld, hat der Hund ja keine Wahl, er kann nicht gehen.
Er erwartet, oder besser: er erhofft von seiner neuen Gruppe Vorteile für seine eigene Bedürfnisbefriedigung und ist im Gegenzug bereit, sich auch im Vorteil der anderen einzubringen - wenn es denn um eine primärenatürliche Beziehung geht.
Die Bedürfnisbefriedigung ist aber nur möglich - und das ist der Sinn von Gruppen - wenn jedes einzelne Gruppenmitglied eine bestimmte Kompetenz zum Vorteil der gesamten Gruppe und damit für jeden einzelnen mit einbringt. Das Prinzip lautet: "Einer für alle, alle für einen - gemeinsam sind wir stark!" Jede Gruppe ist nur so gut wie die einzelnen Mitglieder kompetent.
Für die Beziehung mit Menschen würde dies bedeuten: Der Hund bringt seine Kompetenz mit ein und der Mensch bietet seine Fähigkeiten für ein gemeinsames Ganzes.

Und genau an diesem Punkt passiert üblicherweise exakt das Gegenteil: Der Hund wird in eine Geschäftsbeziehung gedrängt. Er erlebt den Menschen als inkompetent, was hundliche Belange angeht. Der Mensch ist nicht wichtig für die Gruppe, er hilft dem Hund nicht seine Bedürfnisse zu stillen, stattdessen hindert ihn der Mensch daran und erpresst über Vorenthalten von elementaren Grundlagen. Bedürfnisbefriedigung (schnuppern, fressen, kuscheln) wird vom Menschen vorenthalten, weil der Hund nicht korrekt leistet, das nenne ich Erpressung.
Und das hat Konsequenzen: In einer Geschäftsbeziehung erhält der Hund keine Möglichkeit, seine eigene Kompetenz, seine Stärken für die Gruppe einzubringen. Diese werden in der Regel vom Menschen nicht erkannt und spielen auch für das gewünschte Zielverhalten keine Rolle. Der Mensch hat etwa im Kopf, das der Hund tun soll. Egal welche Qualitäten der Hund hat, er wird entpersonifiziert.

Integration in die Gruppe durch Akzeptanz der Persönlichkeit

Kein Mensch würde dies mit seinem Kind tun. Erkenne ich eine besondere Vorliebe oder Fähigkeit bei meinem Kind, dann fördere ich es ohne Druck. Es darf sich entwickeln und mit seinen Kompetenzen in die Gruppe (Familie, Schule, Kindergarten, Sportverein etc.) einbringen. Wenn es ihm hilft, seine Persönlichkeit zu stärken, in bestimmten Situationen zum Beispiel sicherer zu werden, dann kann ich es als Mutter oder Vater auch unterstützen, seine Schwächen zu überwinden. Doch elementar ist, zu schauen, welche Kompetenz jeder einzelne mitbringt. Es geht um gemeinsame Ziele zum Vorteil jedes Einzelnen und jeder bringt sich mit ein und wird wertgeschätzt. Das ist übrigens der Unterschied zwischen Lohn und Lob: Lohn ist Bezahlung, Lob ist soziale Anerkennung. Ich nenne das "soziale Integration".

Auch Hunde sind kompetent

Welche Kompetenzen sind das denn für den Hund? Nun, wir Menschen bringen  jede Menge Kompetenzen mit, von denen der Hund keine Ahnung hat. Er sieht in ihnen keinen Sinn. Mein Hund wird nicht verstehen können, warum ich mit meinen Fingern gerade auf die Tasten haue (übrigens ganz intrinsisch motiviert, denn ich erhalte kein Geld für diesen Blog ;-) ). Er wird auch nicht wissen, daß ich diesen Text gerade schreibe. Viele unserer Kompetenzen haben für Hunde keine Bedeutung. Also müssen wir uns Gedanken darüber machen, welche Kompetenzen für den Hund wichtig sind.

Was ist wichtig aus der Sicht des Hundes?

Oben habe ich es bereits ausgeführt: Es sind Kompetenzen, die die Bedürfnisse des Hundes befriedigen: Sicherheit, Territorium, Jagd, Fortpflanzung und soziale Integration. Hier liegt eine Riesenchance für Hundehalter vergraben, wichtige Kompetenz zeigen zu können: Wenn der Mensch für Sicherheit zum Beispiel sorgen kann, ist dies eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste überhaupt. In der Regel überlässt der Hund dem Menschen gerne diese Aufgabe, nur wenige Hunde sind dazu wirklich kompetent (in der Regel Herdenschutzhunde). Schafft der Mensch es nicht, den Hund von seiner Kompetenz zu überzeugen, oder schlimmer: Der Mensch verhindert er es geradezu, indem er den Hund  ständig in problematische Situationen bringt, dann übernimmt der Hund diese Aufgabe: Er sorgt für Sicherheit bei allen möglichen, vor allem aber bei bedrohlichen Reizen. Das nennt man dann unangepasstes Verhalten in der Öffentlichkeit oder gegenüber Artgenossen: Aggression als angebliche Verhaltensstörung.

Zeigt der Mensch seine Kompetenz nicht, hat das Folgen:

Der Hund stellt in der Regel irgendwann fest, daß der Mensch offenbar gar keine Kompetenz hat. Er interessiert sich für nichts, was für den Hund wichtig ist. Solche Hunde sind an den Menschen "gebunden", weil sie keine Wahl haben. Eigentlich würden sie gehen und sich kompetentere Gruppenmitglieder suchen. Erkennbar ist dies daran, daß sie sich wenig bis gar nicht am Menschen orientieren, häufig im großen Radius unterwegs sind und in Hundegruppen "aufleben" und scheinbar dringend Sozialkontakte brauchen. Welch verpasste Chance für den Menschen!

Kompetenz zeigen als Basis der Beziehung - ein Beispiel

Wie genau kann das nun bei der sozialen Integration aussehen? Im optimalen Fall übernimmt der Mensch von Anfang an die Aufgabe, um beim oben genannten Beispiel zu bleiben, für Sicherheit zu sorgen. Dies können Maßnahmen im Management wie Begrenzungen des Hundes aber auch ein ensprechendes Verhalten im Umgang mit Reizen sein. Alles ist Kommunikation, also hat alles eine Aussage und so ist es auch: Der Hund beobachtet den Menschen und zieht seine Schlüsse daraus: Ist der Mensch kompetent oder nicht, bringt es einen Vorteil, mit ihm zusammen zu sein? Gelingt es dem Menschen, in möglichst vielen Bereichen der Hundebedürfnisse kompetent zu sein, dann wirkt sich dies automatisch auf die Beziehungsqualtität und damit Orientierung des Hundes am Menschen aus. Gelingt es weiterhin, den Hund nun mit seinen individuellen Qualitäten ebenfalls zu integrieren, ihn also zeigen zu lassen, was er gut kann, dann erfährt der Hund eine Akzeptanz seiner Persönlichkeit und wird wertgeschätzt. Das ist mit Geld (oder Leckerchen) gar nicht zu bezahlen... Er erfährt sich als ein wichtiges Mitglied der Gruppe. Noch ein Grund weniger, sich eine neue zu suchen.

Individuelle Entscheidungen je nach Hundepersönlichkeit

Allerdings sollte der Hundebesitzer bei der Förderung des Talentes darauf achten, ob dieses auch wirklich zum Vorteil des Hundes ist. So sind z.B. viele Hütehunde und auch Terrier besonders talentiert, auf Bewegungsreize ohne Impulskontrolle durchzustarten. Doch was das mit dem Hund macht, kann jeder sehen: er dreht hoch und ist kaum mehr zur Ruhe zu bekommen. Dies ist zwar ein rassetypisches Talent, läuft aber bei vielen Hunden in die falsche Richtung und sollte nicht gefördert werden.

Doch jeder Hund hat etwas, das er besonders gut kann. Meistens wird man im Bereich des Jagdverhaltens fündig: Der eine kann besonders gut vorstehen, der andere anschleichen und der nächste ausbuddeln. Hunde lieben es, das zu tun, was sie gut können. Uns geht es ja genauso. Die Kunst und Aufgabe bsteht darin, die Vorliebe, das Talent zu erkennen und entsprechend zu fördern ohne zu fordern. Habe ich zum Beispiel einen Hund, der gerne apportiert oder etwas trägt, dann kann ich ihm Aktivitäten anbieten, bei denen er Dinge tragen darf, die für uns beide oder einen von uns wichtig sind: Autoschlüssel, Hausschuhe, Wäscheklammern oder Sonstiges. Durch Vorbildverhalten des Menschen lernt der Hund, wie er beim Aufräumen oder Waschmaschine füllen, helfen kann. Die Begeisterung des Menschen wird als "Lob" empfunden (und ist ja auch so gemeint) und nicht als "Belohnung". Der Hund wird sozial integriert und nicht für sein Zielverhalten bezahlt.

Soziale Integration hat psychische Auswirkungen

Auch neurobiologisch sorgt soziale Anerkennung für die Ausschüttung spezifischer Neurotransmitter und beeinflusst damit ebenfalls die Emotionen des Hundes. Bei soziopositiven Interaktionen wird vor allem Oxytocin ausgeschüttet, man nennt es auch das Bindungs- und Wohlfühlhormon. Es wird außerdemstressmindernd. Hingegen werden bei Aktivitäen mit vorzugsweiser positiver und negativer Verstärkung bzw. Bestrafung überwiegend Stresshormone wie Adrenalin und Dopamin ausgeschüttet. Dopamin ist im Übrigen das Hormon, welches das Suchtzentrum im Gehirn aktiviert...

Frühe Erfahrungen sind grundlegend

In jungen Jahren des Hundes führen die jeweiligen Hormon- und Neurotransmitter-Zusammensetzungen für die Ausbahnung von Nervenzellstrukturen im Gehirn. Manche "Spuren" werden stärker, andere bilden sich zurück oder verschwinden ganz. Der Hundebesitzer beeinflusst also durch seinen Umgang mit dem Hund, ob dieser sich zu einem seiner Art entsprechend intelligenten oder verdummten Tier entwickelt und welche Spuren verkümmern.

Manche Hunde sind hochverzweifelt

Viele Hunde, die ich sehe, versuchen bis an ihr Lebensende verzweifelt in Kontakt mit ihrem Menschen zu treten. Sie tun dies auf vielerlei Art: Manche bellen, andere beißen in die Leine oder springen ihren Menschen an, um nur einige Verhaltensweisen zu nennen. Immer aber handelt es sich um Verhalten, das der Mensch nicht haben will. Nun versucht man nach dem Strafprinzip, meist mit "anonymen Strafen", bei denen der Hund nicht weiß, wer sie auslöst, das Verhalten abzustellen. Damit negiert man die kommunikative Aussage des Hundes. Der soziale Graben wird tiefer, die unbekannte Bedrohung durch den Strafreiz erhöht. So werden die Missverständnisse zwischen Mensch und Hund immer größer, der Hund verzweifelt und bleibt unverstanden.
Meistens sind Hunde, die in einer Geschäftsbeziehung mit ihrem Menschen leben, solche, die nicht primär integriert wurden. Es sind Hunde, denen man Verhalten abverlangt, welches sie ohne Erpressung durch Futter oder Entzug von Zuwendung, nicht zeigen würden.
Mit ihnen findet eine fantastische Wandlung statt, wenn sie realisieren, daß ihr Mensch plötzlich ihre Sprache spricht - man versteht sich auf ein Mal, es sind Veränderungen möglich: Der Hund schließt sich freiwillig dem Menschen an, orientiert sich an ihm und kann sein Verhalten ändern. Der Mensch benötigt keine externen Verstärker oder Motivationen mehr. Für den Hund gibt es nichts Wichtigeres als mit seinem Menschen zusammen zu sein. Gemeinsam statt gemeinsam einsam. Alles was dann kommt, ist ein Geschenk.

Ängstigende Situationen sind nicht mehr unüberwindbar, gemeinsame Ziele lassen den Hund entsprannen und offen werden für andere, weniger ernsthafte Aktivitäten. Man kann wieder albern sein und ausgelassen spielen. Auch Diskussionen werden überflüssig. Es sind keine Übungen oder Training mehr nötig, man kommuniziert, versteht einander und erlebt gemeinsam. Zusammen schafft man alles.

Die Arbeit mit Problemhunden ist primär eine Beziehungsarbeit. Dies sollte wörtlich genommen werden, denn es hilft nicht, nur irgendeine Beziehung zum Hund zu haben. Die Qualität der Beziehung ist ausschlaggebend. Ansonsten doktert man an den Symptomen herum und operiert im Zweifel das falsche Bein.

Ich wünsche mir für alle Hunde dieser Welt eine Akzeptanz ihrer hündischen Bedürfnisse und die Erfüllung derselben mit Unterstützung des Hundehalters:
Soziale Integration für das hochsoziale und überaus intelligente sowie unglaublich interessante Tier Hund durch einen natürlichen Umgang.

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